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Ansprechbar: "Nach erlebtem Trauma wieder glauben lernen"

Annemieke Binggelivon Annemieke Binggeli
Glaubensleben
Ansprechbar: "Nach erlebtem Trauma wieder glauben lernen"

„Ein Trauma (griech.: Wunde) ist ein belastendes Ereignis oder eine Situation, die von der betreffenden Person nicht bewältigt und verarbeitet werden kann. Es ist oft Resultat von Gewalteinwirkung – sowohl physischer wie psychischer Natur. Bildhaft lässt es sich als eine „seelische Verletzung“ verstehen.“ (Quelle: Deutsche Traumastiftung)

Doch halt! Was hat das jetzt mit unserem persönlichen Glaubensleben zu tun? Vielleicht einiges. Ich schreibe diesen Blogbeitrag, da ich aus eigener Erfahrung und auch dank eigener Recherche Menschen kennengelernt habe, die selbst unter dem sogenannten „religiöses Trauma-Syndrom“ leiden.

Sie haben Schlimmes, teils wirklich sehr Schlimmes, in christlichen Organisationen und Gemeinden durch Verantwortliche, Mitwirkende oder Mitglieder dort erlebt. Das reicht von starkem Leistungsdruck und dem Einreden von starken Schuldgefühlen sowie von eigener Unzulänglichkeit bis hin zu teils echten Androhungen, dem Erwarten eines nicht hinterfragenden Gehorsams der Leitung gegenüber oder auch tatsächlichem psychischen, physischen oder geistlichen Missbrauch. Darauf folgen bei den Betroffenen eine tief sitzende Angst, etwas falsch zu machen, die Abkehr vom christlichen Glauben an sich, teilweise Depressionen und Aggressionen, im schlimmsten Fall eine ausgeprägte posttraumatische Belastungsstörung.

„Religious Trauma Syndrome“ – […] ist zwar nicht Teil des offiziellen Diagnose-Katalogs von Medizinern und Krankenkassen. Aber das „Religious Trauma Syndrome“ ist längst angekommen auf dem Radar von Psychotherapeuten in den USA und weltweit.“ (Quelle: Deutschlandfunk)

Ich maße mir nicht an, in diesem Blogbeitrag die perfekten Antworten für eine religiöse Traumatisierung zu liefern.

Vor allen Dingen möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es einen Namen für das gibt, was du vielleicht erlebt hast oder was andere dir aus ihrer Geschichte erzählt haben: „religiöses Trauma-Syndrom“.

Ich denke, wenn man etwas einen Namen gibt, fällt es viel leichter, sich damit auseinanderzusetzen, weitere Recherche darüber zu betreiben und sich Hilfe zu suchen. Wenn ich das durch meinen Blogbeitrag bei dir erreiche, dann ist mein Ziel bereits erfüllt. 😊

Hier nun möchte ich dir drei wichtige Punkte mitgeben, die mir auf dem Herzen liegen, um sie mit dir zu teilen:

1. Gott ist nicht so wie das, was du erlebt hast!

Ich weiß, dass es manches Mal schwierig voneinander zu trennen ist, dass das Verhalten einer Person in kirchlicher Verantwortung oder eines Christen im Allgemeinen nicht automatisch so ist, wie Gott sich verhält. Immerhin tragen manche Pastoren, Kirchenleiter oder auch einfach Christen ohne kirchlichen Beruf eine mal ausgesprochene, mal unausgesprochene Autorität vor sich her, die einem fast vermitteln will: „Was ich sage oder tue, kommt direkt von Gott!“

Hier möchte ich ein klares „Nein“ setzen. Nur Gott allein ist Gott. Nichts anderes vermittelt uns die Bibel. Menschen bleiben immer nur Menschen. Egal, wie lang sie Theologie studiert haben, auf welchen Plattformen und Bühnen sie predigen dürfen oder welche großartigen Dinge sie bereits im Namen Gottes für diese Welt getan haben.

Was auch immer dir Schlechtes angetan wurde, ist NICHT das, was Gottes Persönlichkeit widerspiegelt. Ja, es ist gut, sich von einer Gemeinde oder von Menschen zu trennen, die einem Schaden zugefügt haben. Vielleicht ist ein Gespräch der Vergebung – je nach Schwere der Situation – möglich. Und auch wenn nicht, darfst du gehen. Du bist nicht verpflichtet, für immer an einem Ort zu bleiben, wo du dich nicht wohlfühlst! Auch nicht in einer Gemeinde.

Ich habe nur eine Bitte an dich: Trenne dich nicht ganz von Gott. Ich wünsche dir von Herzen, dass es dir mit der Zeit möglich ist, Gott ganz neu kennenzulernen und unterscheiden zu lernen, was er wirklich möchte und was Menschen dir jedoch, leider auch in seinem Namen, angetan haben.

Lass dir von keinem Menschen auf der Welt deine tragende, liebevolle und persönliche Beziehung zu Jesus Christus rauben. Gott steht mit offenen Armen bereit und er allein möchte deine Wunden heilen und dich trösten! Er möchte deine Füße auf neuen Grund stellen, dir Zukunft und Hoffnung geben.

Gott selbst hat dich nicht verletzt! Sondern Menschen, die dir Gott falsch vermittelt haben, haben dich verletzt! Hierin liegt ein entscheidender und wahrer Unterschied.

2. Bitte geh ins Gespräch und suche dir Hilfe!

Wenn du dich mit deinen überwältigenden Erlebnissen allein fühlst, dann – bitte – vertraue dich jemandem an. Einer Person deiner Wahl. Öffne dich und benenne die Dinge klar, die dir widerfahren sind. Das ist ein so wichtiger Schritt in Richtung Heilung. Außerdem ist es wichtig, dass Dinge ans Licht kommen. Denn nur so kann es überhaupt jemals zu einer Klärung der ganzen Angelegenheit kommen und du selbst kannst frei von den Schmerzen deiner Wunde werden.

Natürlich legen wir dir ans Herz, dir bei einem Verdacht auf „religiöses Trauma-Syndrom“ professionelle Hilfe, also Seelsorge oder auch Therapie, zu suchen. Es ist wichtig, dass dir geholfen wird und dass du mit deinen seelischen Verletzungen nicht einfach irgendwie weiterleben musst. Denn das ist nicht nötig. Hilfe steht für dich bereit.

3. Informiere dich, um Heilung zu finden!

Wenn du dich gern mehr über das Thema „religiöses Trauma-Syndrom“ informieren möchtest, gibt es hier noch einen persönlichen Tipp von mir:

Die angehende Psychologin, Seelsorgerin und Christin Nelli Kronwald informiert sachlich und geschult, aber gleichzeitig aufbauend und ermutigend in ihrem YouTube-Kanal zu dem Thema. Ihr Kanalname: @NelliKronwald

Des Weiteren findest du viele Informationen zum Thema, wenn du „Religious Trauma Syndrome“ einfach mal googlest. Zudem gibt es bereits einige Literatur dazu. Diese beiden folgenden Bücher z. B.:

„Post-Traumatic Church Syndrome: A Memoir of Humour and Healing“ von Reba Riley

„Leaving the Fold“ von Marlene Winell


Jeden Mittwoch beantworten wir auf unserer Instagram-Seite @stayonfire.official im Format „Ansprechbar“ eure Fragen. Nicht jede Frage lässt sich im Rahmen einer kurzen Insta-Story beantworten. Daher gehen wir auf einige komplexere Fragen an einigen Freitagen als Blogbeitrag in unserer App ein.

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