Die eigentliche Frage dahinter ist, welche körperlichen Berührungen sind in einer Beziehung „erlaubt“, bevor ich den Partner/die Partnerin heirate. Wo ist die Grenze? Was sagt Gott dazu? Wie weit können wir als Paar gehen und trotzdem „rein“ bleiben? Oder ganz platt gefragt: Welche sexuellen Sachen darf man machen, ohne dabei Sex zu haben?
Und um ehrlich zu sein, ist das eine Frage, die wir Christen uns stellen, weil es uns wichtig ist, vor oder für Gott das Richtige zu tun oder aber das Falsche sein zu lassen. Doch um richtig und falsch geht es hierbei, wie bei fast allen anderen Schritten des christlichen Lebens, eigentlich nicht. Gott hat uns Menschen Verantwortung übertragen, damit wir weise, verantwortungsvolle, durch Liebe motivierte Entscheidungen treffen können, die uns und anderen ganzheitlich und dauerhaft guttun und eben nicht verletzen.
Also, wie weit ist zu weit? Diese Frage ist übrigens nicht nur dann sinnvoll, wenn man vorhat, in einer Beziehung mit dem Geschlechtsakt bis zur Ehe zu warten. Sie kann auch dann durchaus sinnvoll sein, wenn man sich mit dem Gedanken auseinandersetzt, welche Form von Intimität in einer Beziehung wirklich trägt. Dann können folgende Gedanken und Prinzipien auch für Menschen, die nicht an Gott glauben, an Bedeutung gewinnen.
Körperliche Berührung ist Teil von fast jeder engen menschlichen Beziehung.
Berührung erzeugt Nähe und Vertrauen. Unter anderem zwischen Eltern und Kind, guten Freunden und natürlich auch in jeder partnerschaftlichen Beziehung. Kaum einer würde heute noch sagen, dass man sich erst am Hochzeitsaltar küssen sollte. Berührungen gehören schlichtweg zum „einander kennenlernen“. Berührungen verbinden. Berührungen regen etwas in uns an. Sie wecken natürlich auch Lust und entsprechend auch Lust nach mehr.
Berührungen sind ein ziemlich starkes Mittel zur Bindung zwischen zwei Menschen.
Die schnelle und feste Bindung, die durch körperliche Berührungen entsteht, kann unter bestimmten Umständen in jeder Beziehung problematisch werden. Die Wahrheit ist, dass Berührungen Kraft haben und voreilige oder auch unreife körperliche Intimität uns in einer Beziehung an einen Punkt bringt, für den wir oft noch nicht bereit sind. Dann wieder zurückzurudern, ist richtig schwierig.
Mit meinem ersten festen Freund bin ich zu weit gegangen. Wir hatten viel zu schnell einen hohen Level an körperlicher Intimität erreicht, waren in emotionaler Hinsicht dort aber noch gar nicht angekommen. Unsere Körper sprachen eine Sprache, die unsere Seelen noch nicht kannten. Und um zumindest eine Form von Intimität aufrechtzuerhalten, mussten wir weiterhin körperlich verbunden bleiben. Was uns schneller, als ich es eigentlich wollte, dazu brachte, auch den letzten Schritt zu gehen. Wir wurden körperlich eins, waren es emotional aber noch lange nicht und wurden es danach auch nicht mehr. Der Sex verband uns beide noch eine ganze Weile weiter. Als die Beziehung schließlich schmerzhaft in die Brüche ging, hat es bei mir Wunden hinterlassen, die Jahre brauchten, um wieder vollständig zu heilen.
Berührungen binden uns an Menschen, ob wir es wollen oder nicht.
In einer Beziehung sollte die körperliche Bindung dem Level der Vertraulichkeit und Verbindlichkeit entsprechen.
Wir lieben Romanzen und epische Liebesgeschichten nicht etwa deshalb, weil das Paar solch guten Sex hat. Nein! Wir feiern sie, weil sie auf einem ganz anderen Niveau eine tiefe Verbundenheit erleben. Und danach suchen wir und sehnen wir uns, wenn wir ehrlich zu uns sind, eigentlich auch. Wir suchen im Gegenüber eine Nähe, die tiefer geht, besser gesagt unter die Haut geht. Wir suchen echte Intimität. Und die ist eben nicht körperlicher Natur.
Die Psychologin, Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning beschreibt Intimität folgendermaßen:
„Das große Thema ist INTIMITÄT. (...) Intimität heißt, sich dem anderen wirklich zeigen, wie man ist, mit allen Ecken und Kanten. Also vollkommen ehrlich zu sein.“
Deshalb sollten Berührungen nie das Maß an Vertrauen überschreiten, das man zu jemandem hat. Zeig dem Anderen, wer du wirklich bist. Enthülle dein Herz anstatt deines Körpers. Denn ganzheitliche Intimität findet ihre Vollendung in einer erfüllten, erotischen Sexualität, hat ihren Ursprung jedoch in einer vertraulichen, persönlichen, sicheren, innigen und zuverlässigen Beziehung.
Maximale körperliche Intimität gehört in den Rahmen der maximalen Verbindlichkeit.
Das ist für mich die Ehe, die ich vor Gott und Zeugen bejahe. Wo zwei Menschen zueinander sagen: „Ich gebe mich dir.“ – „Was kann ich für dich tun?“ – „Wie kann ich dir dienen?“ – „Was möchtest du?“ Genau dort findet Sex den gesunden, sicheren und verbindlichen Rahmen.
Zwar lief das mit meinem Freund damals anders als geplant, zumindest von meiner Seite aus, aber ich durfte 6 Jahre später noch mal Beziehung ganz neu beginnen und erleben. Mein heutiger Mann und ich haben uns, bevor wir geheiratet haben, über insgesamt 2 Jahre kennengelernt. Wir waren erst nur befreundet, waren dann für ein paar Monate bei regelmäßigen Dates, entschieden uns schließlich dafür, eine verbindliche Beziehung zu starten, haben uns nach 8 Monaten verlobt und dann nach weiteren 8 Monaten auch geheiratet. Wir waren an unserem Hochzeitstag 28 und 32 Jahre alt und haben in der Hochzeitsnacht zum ersten Mal miteinander geschlafen. Nein, der erste Kuss war nicht am Traualtar. Wir hatten davor ein einvernehmliches Level an sexueller Berührung in unserer vorehelichen Beziehung befürwortet und auch Schritt für Schritt entfaltet. Hin und wieder mussten wir uns dabei aber auch ein wenig bremsen.
Die Bibel kennt keine Verhaltensregeln für die Kennenlernphase vor der Ehe.
Die Bibel kennt keine „10 Gebote des Datings“. Sie sagt uns nicht: Das ist gerade noch in Ordnung, das schon nicht mehr. Die Bibel sagt uns nicht, was wir berühren dürfen und was nicht oder welche Bereiche tabu sind. Sie unterscheidet auch nicht zwischen einer Dating-Phase und dem Beziehungsstatus der Verlobung. Sie kommuniziert aber durchaus immer wieder, dass Gott sich für uns Menschen eine monogame, verbindliche Beziehung vorstellt, die im besten Fall einmalig ist, ein Leben lang hält und in welcher Kinder entstehen und aufblühen können.
Eine christliche Verbotskultur, die nur von Regeln getragen wird, hilft uns heute nicht mehr, ... ... falls sie jemals gut und gesund war. Ich persönlich plädiere für Selbstverantwortung und gute, hilfreiche Aufklärung. Ich wünsche mir unter uns Christen mehr Eigenverantwortlichkeit, die religiöse Regelwerke sinnvoll ersetzt, ohne dabei den christlichen Wertekatalog über den Haufen zu werfen. Davor haben wir Christen verständlicherweise oft Angst.
Wir müssen in unseren Kirchen und christlichen Gruppen lernen, mutig, offen und ehrlich über eine positive Sexualmoral zu sprechen. Eine Sexualmoral, die auf dem Gebot der Liebe und nicht der Gesetzlichkeit beruht, die deutlich macht, dass mit jeder sexuellen Beziehung auch die Übernahme von Verantwortung für den Partner und für potenziell ungeborenes Leben einhergeht. Diese Freiheit in Verantwortung bewirkt meines Erachtens mehr echte Entscheidungen, mit dem Sex vor der Ehe zu warten. Außerdem würde sie mit großer Wahrscheinlichkeit eine behutsame, angemessene Entwicklung der sexuellen Intimität bei Paaren vor der Ehe fördern.
Also noch mal: Wie weit ist zu weit?
Wie weit zu weit ist, bestimmst du in Beziehung mit Gott.
Gott will zu jedem von uns eine persönliche Beziehung haben. In dieser Beziehung zu unserem Schöpfer lernen wir eine verantwortungsbewusste Beziehung zu dem oder der Einen zu bauen.
Vor meiner ersten intimen Beziehung hat Gott mich sehr deutlich gewarnt. Mein Freund besuchte mich an einem Wochenende mit seinen Brüdern und seinem besten Freund. In den ersten sechs Monaten führten wir eine Fernbeziehung. Ich beobachtete ganz genau, wie sie miteinander umgingen. Und das gefiel mir gar nicht. Doch ich war einfach so verknallt und ignorierte es deshalb. Als sie wieder weg waren, hörte ich ganz klar Gottes Stimme, die zu mir sagte: „Renn weg.“ Gott signalisierte mir mehrfach, mit diesem Mann nicht intimer zu werden. Doch ich wollte einfach nicht auf ihn hören.
Gott möchte dir helfen, in deiner sich entfaltenden Sexualität gesunde Grenzen zu setzen. Niemand außer dir kann diese Grenzen für dich ziehen. Sie werden dadurch bestimmt, was dich erregt und was deine persönlichen Überzeugungen sind.
Wenn du gehofft hast, hier klare Anweisungen von mir zu finden, muss ich dich leider enttäuschen. Die habe ich nicht. Die findet man auch in der Bibel nicht.
Wie jeder gute Vater und jede gute Mutter will Gott auch, dass du lernst, gute Entscheidungen zu treffen. Und wenn wir mal hinfallen, ist das auch total in Ordnung! Gott macht uns nicht zu Sklaven, die sich an Regeln halten müssen. Er wünscht sich Kinder, die lernen, seine Stimme zu hören und ihr zu vertrauen.
Falls du aktuell in einer Partnerschaft bist und ihr euch derzeit die Frage stellt, wie weit zu weit ist, dann können euch diese abschließenden Fragen vielleicht helfen, herauszufinden, auf welcher Stufe der Verbindlichkeit und Vertrautheit ihr euch als Paar gerade befindet:
- Habt ihr das Gefühl, dass ihr miteinander ehrlich über alles sprechen könnt?
- Kennt ihr bereits die Stärken und auch die Schwächen voneinander?
- Hat Gott jeweils bei euch beiden einen zentralen Platz in euren Leben?
- Hat Gott einen zentralen Platz in eurer Beziehung?
- Könnt ihr euch vorstellen, in den nächsten 2 Jahren zu heiraten?