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Wir müssen nicht immer einer Meinung sein und können dennoch gemeinsam unterwegs bleiben!
Das gilt im Übrigen nicht nur für Ehen oder andere Partnerschaften, sondern auch für Freundschaften, für Familien oder auch für kirchliche Gemeinschaften. Wir können gemeinsam unterwegs bleiben, auch wenn wir hier und da unterschiedlich denken und auch leben. Wir müssen es sogar. Dazu ganz am Schluss ein bisschen mehr.
Wenn ich in bald 12 Jahren Ehe und 6 Jahren Gemeindegründung eines gelernt habe, dann das: Es wird immer wieder Spannungen geben, die man nicht immer auflösen kann, sondern bei denen man lernen muss, sie auszuhalten, wenn man weiterhin zusammenbleiben möchte.
Und das ist so schwer. Ja, das ist es. Das ist etwas, das auch ich lernen musste und worin ich immer wieder Nachhilfe beim Heiligen Geist habe. Spannungen, die nicht lösbar sind oder nicht lösbar erscheinen, können, wenn man einander wichtig ist, ausgehalten werden.
Und hier ist der springende Punkt: „Wenn man einander wichtig ist!“
Wenn man nur die eigene Agenda verfolgt, das Beste für sich allein sucht, immer recht behalten möchte (ich hebe da gleich mal meine Hand), keine Kompromisse eingehen möchte, nicht mal einen anderen Lösungsweg ausprobieren will, dann wird das echt hart und vermutlich sogar unmöglich.
Wie also kann man in Beziehungen Spannungen – unterschiedliche Meinungen, Glaubenssätze, Lösungswege etc. – aushalten und zugleich miteinander unterwegs bleiben?
Es braucht Gnade und Wahrheit gleichermaßen.
Jesus ist und bleibt mir im Umgang mit Menschen immer das größte Vorbild. Der Jünger Johannes fasst die Person und den Charakter Jesu zu Beginn seines Evangeliums so zusammen:
„Er, der das Wort ist, wurde Mensch und lebte unter uns. Er war voll Gnade und Wahrheit und wir wurden Zeugen seiner Herrlichkeit, der Herrlichkeit, die der Vater ihm, seinem einzigen Sohn, gegeben hat.“ (Johannes 1:14-15)
Dieser Satz, „er war voll Gnade und Wahrheit“, sticht für mich immer wieder heraus und lässt sich auch immer wieder bei Geschichten nachvollziehen, in denen Jesus Menschen begegnete. Jesus sieht und liebt zuerst. Er ist der Gott, der mich und dich sieht. Er trägt unter anderem den Namen „El Roi“ (hebr. Gott des Sehens), der zum ersten Mal im 1. Mose 16 erscheint. Aus dieser Haltung heraus, die voller Liebe und voller Gnade ist, spricht Jesus dann immer auch Wahrheit in das Leben, in das Verhalten derjenigen Menschen, denen er begegnet.
Wenn du null Beziehung zu einer bestimmten Person hast, oder nicht mehr hast, oder nicht mehr haben willst, doch du sie oder ihn dennoch mit deiner Sicht der Wahrheit konfrontieren möchtest, ist das immer zum Scheitern verurteilt. Das geht nie gut aus. Denn Wahrheit ohne Liebe ist einfach nur hart. Und die will keiner hören. Ich auch nicht.
Doch in dem Moment, wenn du dir der Liebe der anderen Person sicher bist und du weißt, dass sie dich sieht, kennt, liebt und dir mit ganz viel Gnade begegnet, kann und darf Wahrheit benannt und dann auch gehört werden. Dann können sich Spannungen auflösen. Werden sie nicht immer. Doch es hilft!
Der Schweizer Laientheologe und Staatsrechtler, der im 19. Jahrhundert lebte, hat es so formuliert: „Liebe ohne Wahrheit bessert nicht. Wahrheit ohne Liebe heilt nicht.“
Wir brauchen beides, in guter, ausgeglichener Dosis, für gute und beständige Beziehungen.
Liebe ist nicht gleich Bestätigung.
Ich liebe meinen Mann und meine Kinder. Meine Liebe ist nicht perfekt. Ich bin nicht Jesus. Doch ich liebe sie schon ganz schön arg. Mich verletzt es, wenn wir einander wehtun. Ob mit Worten oder Taten, ist dabei ganz egal. Ich finde es gerade in diesen engen, nahen und verbindlichen Beziehungen zu ihnen manchmal unerträglich, wenn wir unausgesprochene oder ausgesprochene Spannungen haben. Weil ich sie liebe! Und doch, gerade weil ich sie liebe, lass ich sie – vor allem meiner Kinder – nicht immer machen, was sie wollen. Ich sage Dinge wie: „So geht das nicht.“ – „Damit verletzt du dich selbst.“ – „Ich möchte nicht, dass du das sagst oder tust.“ – „Das ist nicht ok.“
Nur weil meine Kinder sich meiner Liebe sicher sind, bedeutet das nicht, dass sie nicht regelmäßig hören dürfen, was ich anders sehe, als sie es gerade tun. Ja, ich bestätige ihnen immer wieder meine Liebe. Doch ich bestätige nicht alles, was sie tun oder sagen. Das gilt im Übrigen auch für mich und meinen Mann. Er geht auch nicht, auch wenn ich es mir so sehr wünschte, bei allem mit, was ich gern hätte, würde, wollte. Und das ist auch gut so. Und doch bin ich mir seiner Liebe sicher.
Liebe ist nicht gleich Bestätigung. Manchmal, wenn ich so durch die sozialen Medien scrolle, denke ich, dass diese Generation sich durchaus über die konstante Bestätigung geliebt fühlt. Das macht es nur leider so schwierig, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Dann wird sofort „gehatet“ und „gecancelt“, anstatt unterschiedlicher Ansicht zu sein und zu bleiben und einander dennoch respektvoll zu begegnen. Und nur weil dich jemand in dem, was du sagst, teilst oder tust, bestätigt, heißt das noch lange nicht, dass diese Person dich liebt und das Beste für dich will.
Wesentliches und Unwesentliches muss auseinandergehalten werden.
Es gibt viele, viele, viele unterschiedlichen Ansichten über fast alles! Es gibt vermutlich keinen zweiten Menschen auf dieser Welt, der bei jeder Frage die gleiche Antwort wie ich geben würde. Und ganz ehrlich, wäre das öde!
Die Fragen, die wir uns aber immer wieder stellen müssen, wenn wir langlebige Beziehungen und Brücken in Ehen, Freundschaften, Glaubensgemeinschaften und Co. bauen wollen, sind: Was verbindet uns? Was treibt uns an? Was wollen wir gemeinsam erreichen? Wohin soll es gehen? Was sind die wichtigen gemeinsamen Nenner, die auch gemeinsame Nenner bleiben müssen, wenn das weiterhin mit uns gemeinsam klappen soll?
Im besten Fall hat man sich diese Fragen als Paar bereits gestellt, bevor man heiratet. Manchmal muss man das hinterher tun. Das tut oft weh. Im besten Fall hat man darüber gesprochen, bevor man eine Kirche gründet. Sonst kann es sein, dass das Team hinterher auseinanderfällt. Im besten Fall hat man vor dem Urlaub gemeinsame Erwartungen geklärt, bevor man mit einer Freundin für zwei Wochen verreist. Sonst kann es sein, dass man sich irgendwann aus dem Weg geht und die Tage allein verbringt. Alles schon selbst erlebt oder bei anderen gesehen.
Mein Mann und ich haben unterschiedliche Ansichten bei den Themen Ernährung, Theologie, Urlaubsgestaltung, Kindererziehung, um nur ein paar zu nennen. Und doch sind wir bei den wesentlichen Dingen meist einer Meinung. Und wenn nicht, dann reden wir so lang, bis wir eine gute Lösung füreinander gefunden haben. Als Kirche haben wir unterschiedliche Ansichten bei Liturgie, Ethik, Gotteserfahrung, um nur ein paar zu nennen. Und doch suchen wir immer wieder die größten gemeinsamen Nenner. Und wenn das mehr sind als nur Jesus, ist das super!
Wir müssen lernen, es auszuhalten, dass Menschen um uns herum anders denken und leben. Wir sollen es sogar. Der Jesus, den ich kenne, hatte 12 Jünger, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Jesu Truppe war ein echter Chaoshaufen. Keiner glich dem anderen. Sie hatten unterschiedliche Berufe, Persönlichkeiten und Gemüter. Sie waren zwar alle jüdisch sozialisiert und doch hatten sie unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ihr Messias auszusehen hatte. Und mit diesen 12 Männern war Jesus drei Jahre intensiv unterwegs. Und Jesus schaffte es, fast alle von ihnen bis zum letzten Abendmahl zu vereinen. Der gemeinsame Weg brachte sie zusammen.
Wenn wir unsere Welt und in unserem Leben Dinge positiv prägen und verändern wollen, dann schaffen wir das nicht allein.
Wir brauchen andere Menschen dazu. Wir müssen einander zuerst einmal mit echter Aufrichtigkeit und in Liebe begegnen. Einander kennenlernen wollen. Einander stehen lassen wollen. Erst in verbindlicher, liebender Beziehung können und sollten wir ehrlich und aufrichtig werden, wo und wie wir anders denken. Wir können Menschen lieben und dennoch Grenzen setzen, oder auch klar „Nein“ sagen. Nicht alles, was ein anderer tut, den wir schätzen, muss und will bestätigt werden. Und wir sollten immer wieder darauf schauen, wofür wir gemeinsam sind. Denn uns verbindet fast immer mehr, als was uns trennt.
So, nur so, können wir gemeinsam unterwegs bleiben, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.