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Kommunikation in Beziehungen: Sprich es an!

Thaddäus Schindlervon Thaddäus Schindler
Liebe
Kommunikation in Beziehungen: Sprich es an!

Der kleine Felix wacht auf. Auf der Bettkante sitzt ein kleiner Drache. Vielleicht so groß wie ein Kätzchen. Völlig perplex läuft er zu seiner Mama: „Da sitzt ein Drache auf meinem Bett!“ Ungläubig weist Mama Felix' Bitte zurück: „Drachen gibt es doch gar nicht!“ Frustriert geht Felix zurück in sein Zimmer. Der Drache sitzt noch immer da. Er versucht, ihn zu ignorieren.

So startet Felix in den Tag. Als Felix über seine Schulter schaut, sieht er, dass der Drache ihn begleitet. Der Drache frisst sogar sein Frühstück auf. Felix ärgert sich, versucht aber, ihn weiterhin zu ignorieren. So vergeht ein Tag nach dem anderen. Es scheint, dass der Drache immer größer wird, je mehr Felix ihn ignoriert. Irgendwann ist der Drache so groß wie ein Hund. Er wächst und wächst, bis eines Tages etwas Unvorstellbares passiert.

Der Drache trägt das Haus der Familie fort. Als der Papa von der Arbeit nach Hause kommt, findet er sein eigenes Haus nicht mehr. Erst nach langem Suchen findet er das Haus in der Nachbarschaft. „Was ist denn hier los?“, fragt er erstaunt seine Familie. „Der Drache hat das Haus weggetragen!“, behauptet Felix überzeugt. Als Mama etwas genervt reagiert: „Wie oft denn noch? Drachen gibt es doch gar nicht!“, unterbricht Felix: „Doch, die gibt es! Du musst nur hinsehen!“

Daraufhin streichelt Felix den Drachen. Und siehe da: Nach kurzer Zeit bringt der Drache das Haus zurück. Erstaunt stellt Felix fest: Je mehr Aufmerksamkeit man dem Drachen schenkt, desto kleiner wird er. Und so schrumpft der Drache immer weiter. Irgendwann ist er wieder so groß wie ein Hund, dann wie ein Kätzchen. Und schließlich darf der Drache bei der Familie bleiben.

Diese eindrucksvolle Kindergeschichte („Drachen gibt’s doch gar nicht“ von Jack Kent) hat mehr mit dem Leben zu tun, als man denkt. Früher oder später begegnen wir alle in unserem Leben einem Drachen. Für den einen ist es eine bittere Wahrheit, für den anderen ein unausgesprochener Konflikt und für wiederum andere eine Sucht, die man nie für möglich gehalten hätte. Es gibt noch viele andere Beispiele.

Dinge, von denen wir dachten, dass es sie nicht gibt, und die wir deshalb nicht wahrhaben wollen. Wir ignorieren sie in der Hoffnung, dass sie verschwinden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Je mehr wir sie ignorieren, desto größer werden sie. Zum Glück gewöhnt man sich an viele Dinge, doch irgendwann ist das Chaos so groß, dass alles über einem zusammenbricht. Oder um es im Bild der Kindergeschichte zu sagen: Das Haus steht plötzlich woanders. Eigentlich unvorstellbar. Besonders in einer Beziehung oder Ehe gibt es immer wieder Momente, in denen wir die Wahl haben, Dinge anzusprechen oder zu ignorieren.

Ich möchte dich heute ermutigen, sie (in den meisten Fällen) anzusprechen. Offene und ehrliche Kommunikation ist die Grundlage jeder gelingenden Freundschaft, Beziehung oder Ehe. Verborgenheit und Dunkelheit hingegen sind der Nährboden für Chaos. Deshalb sprich über das, was dich beschäftigt. Wenn du in deinen zwischenmenschlichen Beziehungen Ordnung schaffen willst, ohne die Dinge anzusprechen, dann ist das so, als würdest du aufräumen wollen, ohne das Licht einzuschalten.

Jesus sprach ziemlich deutliche Worte:

„Wer Böses tut, scheut das Licht. Er kommt nicht ans Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer sich aber nach der Wahrheit richtet, tritt ans Licht, denn so wird sichtbar, dass sein Tun in Gott gegründet ist.“ (Johannes 3:20-21 NeÜ)

In dieser Aussage steckt so viel Wahrheit, dass es sich lohnt, sie tiefer zu studieren. An dieser Stelle sei nur so viel gesagt: Diese Bibelstelle steht im Kontext von Gottes Vergebung (Johannes 3:16) und Gottes Gericht (Johannes 3:19). Dabei wird ein Prinzip sehr deutlich: Vergebung kann in den meisten Fällen nur ausgesprochen werden, wenn zuvor – metaphorisch gesprochen – das Licht eingeschaltet wurde. So ist es in jeder Freundschaft, Beziehung oder Ehe. Pearl S. Buck hat einmal sehr treffend gesagt:

„Besser eine bittere Wahrheit als eine süße Illusion.“

Ich möchte dich heute ermutigen, Dinge anzusprechen. Ignoriere nicht die Drachen in deinem Leben. Begegne ihnen. Schenke ihnen Aufmerksamkeit. Sehr oft ist die geschützte Begegnung mit diesen Drachen in unserem Leben der erste Schritt zur Heilung. Dabei bin ich mir darüber im Klaren, dass es manchmal alles andere als leicht ist, Dinge anzusprechen. Und wenn man es dann geschafft hat, kann es immer noch sein, dass das Gegenüber das Ansprechen als Angriff empfindet und deshalb entweder dichtmacht oder zurückschießt. Beides ist nicht einfach. Dennoch kein Grund, weiter in Illusionen zu leben.

Abschließend möchte ich dir 15 praktische Tipps geben, worauf du achten kannst, wenn du Dinge ansprichst. Diese Sammlung ist im Laufe der Zeit in meinem Kopf gewachsen – durch persönliche Erfahrungen, unseren Ehevorbereitungskurs und anderes, was ich gelesen habe. Kürzlich habe ich sie im Zuge einer Predigtvorbereitung aufgeschrieben. Ich hoffe sehr, dass diese Punkte dir helfen. Für mich sind sie eine nie endende Herausforderung im positiven Sinne.

1. Die kleinen Dinge nicht unterschätzen: Kleinigkeiten, die sich z. B. in einer Ehe täglich wiederholen, werden irgendwann zu großen Dingen.

2. Sprich Situationen nicht sofort an, wenn sie passieren. Zumindest meistens.

3. Sprich Situationen rückwirkend an, wenn die Emotionen etwas abgeklungen sind, aber die Erinnerungen noch da sind.

4. Wähle einen guten Zeitpunkt, um etwas anzusprechen: ohne Stress, Müdigkeit, Ablenkung.

5. Nutze lange Autofahrten für Gespräche. Der Vorteil: Niemand kann abhauen.

6. Stelle deinem/r Partner/in die mutige Frage: Was stört dich gerade in unserer Beziehung?

7. Schreibe auf, was dich beschäftigt, und versuche, Klarheit über dein Inneres zu gewinnen.

8. Sprich über deine Gefühle und Bedürfnisse, die du in konkreten Situationen erlebt hast.

9. Schaffe einen liebevollen Rahmen: „Was ich gleich sagen werde, wird dich herausfordern, aber es ist gut gemeint.“

10. Streiche grundsätzlich die Wörter „immer“ und „nie“. Ohne Wenn und Aber.

11. Manchmal ist Zuhören die beste Antwort. Du kannst ein weiteres Gespräch vereinbaren.

12. Es ist nicht deine Aufgabe, die Gefühle und Bedürfnisse deines Partners zu bewerten, sondern sie zu verstehen.

13. Wir überschätzen die Wirkung eines einzelnen Gesprächs und unterschätzen die Wirkung eines Kommunikationsprozesses.

14. Streue Brotkrumen: Sprich über unfertige Prozesse und benenne sie auch so.

15. Erwarte nicht, dass es leicht ist, etwas anzusprechen. Gerade wenn es sich schwierig anfühlt, scheint es wichtig zu sein.